Garstige „Wellküren“ reiten Parforce

Frankfurter Rundschau vom 17.07.2017

Mit pfiffigen Spottliedern und Stubenmusik wagen sich die „Wellküren“ zuweilen über den Weißwurstäquator (Main) hinaus, um die Republik Mores zu lehren. Bei ihrem Gastspiel im hessisch-bayerischen Grenzgebiet hätten Untertitel jedoch nicht geschadet.

Ob Politik – „Frage: Was grenzt an Dummheit? Antwort: Mexiko und Kanada“ – oder Alltag – „Wenn Männer im Trainingsanzug die Bundesliga im Fernsehen anschauen, glauben die, sie treiben Sport“ – die „Wellküren“ machen seit 30 Jahren vor keinem brisanten Thema Halt, auch wenn die Jahre nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen sind, wie sie selbstironisch einräumen.

Gleich ihren drei Brüdern („Biermösl Blosn“) der insgesamt 17-köpfigen Lehrerfamilie Well aus dem oberbayerischen Oberschweinbach trieben sie die kulturellen Verwerfungen im damals wie heute CSU-regierten Freistaat und der Widerstand gegen die Atompolitik Mitte der 80er Jahre auf die Barrikaden: in diesem Fall auf die Bühnen, weil sie dort ihren Protest in eigenen Kompositionen besser manifestieren konnten. Denn zur satirischen Kritik gehört in der Well-Familie von jeher die musikalische Aufbereitung. Wie Vater und Mutter beherrschen auch die 15 Kinder zumeist mehrere Instrumente.

Zierliche Persönchen, starke Töne vor der Burg Alzenau

So auch die Wellküren Barbara, Monika und Notburga (Burgi), die nicht nur gut zusammen singen können, wie sie am Sonntag vor der historischen Kulisse der mittelalterlichen Burg Alzenau bewiesen. Zu ihrem Repertoir zählen zudem Harfe, Hackbrett, Gitarre, Ukulele, Posaune, Saxophon und sogar die dicke Tuba, der die zierlichen Persönchen ungeahnt kräftige Töne entlocken.

Neben der altbayerischen Stubenmusik wildert das Trio in etzwelchen Musiksparten. Da erklingt Mozarts berühmte Klaviersonate gleichberechtigt neben einem Countrysong mit Jodler, Bebop, Blues oder einem Potpourri, bestehend aus Defiliermarsch, Charleston, Orpheus in der Unterwelt und der Bayernhymne, wobei Moni Well die stehenden Ovationen vermisst: „Sogar in Hessen hams g’standen, selbst wenn koaner g’wusst hat, warum.“

Dann intonieren Schwestern auch noch auf der so genannten Nonnentrompete (eigentlich: Trumscheit) ein zum Schreien komisches „La Paloma“. Der Name für dieses ein-saitige Cello mit Schalltrichter rührt übrigens daher, dass Blasinstrumente in alter Zeit nicht von Ordensfrauen gespielt werden durften, weil dies als unschicklich galt.

Watsch’n für Erdogan, Putin undTrump, für Seehofer, Söder und Petry

Ob Erdogan, Putin oder Trump, Seehofer, Söder oder Frauke Petry; jedem dieser politischen Exzentriker verpasst das gestandene Frauenterzett die ihm gebührende Watsch’n, insbesondere wenn es um Fremdenhass und den Umgang mit den Geflüchteten geht. Schließlich haben die Wells selbst einen Migrationshintergrund. Die Mutter stammte aus Südtirol, die Vorväter kamen im 16. Jahrhundert von Schottland.

Den Höhepunkt ihrer politischen Betrachtungen kleiden sie in die Melodien von Ennio Morricone aus „Spiel mir das Lied vom Tod“. Das Kurzmusical behandelt die Chaosregentschaft des Horst Seehofer („Die Kinder wissen nie, wie lange sie in diesem Land in die Schule gehen müssen“), der sich so gerne mit Autokraten umgebe, jahrelang gegen Kanzlerin Merkel agitiere und nun im Wahlkampf zum Schmusekätzchen mutiert sei. Allein dieser Wellküren-Ritt lohnte schon den Besuch, oder um es im bayerischen Idiom zu sagen: Grad pfundig war’s!

Von Wolfgang Heininger

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